Die letzten Tage der Raubtiere
Jerome Leroy, der Meister des französischen Noir, ist zurück. Und das mit einem atemberaubenden Politthriller, welcher der Grande Nation empfindlich auf den Zahn fühlen dürfte. Sein unnachahmlicher Erzählstil ist gewohnt packend, vielschichtig, dystopisch und stets mit der nötigen Satire und Ironie. Leroys Frankreich steht kurz vor dem Kollaps. Strikte Ausgangssperren, vordergründig wegen der pandemischen Lage und eine nie dagewesene Hitzeperiode und damit einhergehender Dürre, legen das Land weitestgehend lahm. Auf politischer Ebene sieht das schon anders aus. Die erste Präsidentin der Nation Nathalie Sechard hat offensichtlich genug von immer neuen Krisen und aufgeladener Stimmung. Dabei hätte sie, wie angekündigt, soviel verändern können, gerade in einer zweiten Amtszeit. Diese wird es nicht geben. Mehr Zeit mit dem fast 26 Jahre jüngeren Mann heißt ihr Plan für die Zukunft. Umgehend nach Sechards mit Spannung erwarteter Ansprache bringen sich aussichtsreiche Kandidaten in Stellung. Raus aus der Deckung, rein in den schmutzigen Kampf nach Umfragewerten und Beliebtheit. Und genau dafür scheinen alle erdenkliche Mittel recht, diese Ziele zu erreichen. Neben der Kandidatin des rechten Flügels "Bloc patriotique" sieht auch der rechts orientierte Innenminister Beauseant seine Chance gekommen.
Nachdem ein vemeintlicher Terroranschlag auf ein Impfzentrum nach großer Beunruhigung schnell aufgeklärt wird, sind es eben jene Umfragewerte des Innenministers, welche merklich ansteigen...Die Bevölkerung sehnt sich eben nach Sicherheit, er nach Macht. Skrupellose Helfer scheint es genug zu geben: Loyale Geheimdienstler, geheime Netzwerke oder korrupte Polizisten.
Leroys Dystopie wirkt häufig beängstigend real und dennoch bleibt den Lesenden die Hoffnung, dass solche Szenarien nur begrenzt realistisch sind. Fest steht allerdings: "Die letzten Tage der Raubtiere" dauern immer so lang, bis sich neue, noch gierigere Räuber in Position gebracht haben.
Gelesen von Maurice Prümm