Was ein Mann ist
David Szalay hatte folgende Idee:
Er beschreibt Männer von April bis Dezember. In jedem dieser Monate sind die Protagonisten etwas älter geworden; die April-Männer sind gerade mal 17 Jahre, der Dezember-Mann über 70. Die Geschichten sind in den jeweiligen Monaten angesiedelt. Und alle sind sie auf Reisen. Sie suchen, sie flüchten, sie sind beruflich unterwegs, sie tun jemandem einen Gefallen, sie (ver)irren sich, manchmal finden sie ihr Glück, oder bleiben einsam zurück.
Der Leser hat dabei den Eindruck, dass der Autor selbst ein vielgereister Mann ist, denn seine Landschafts- und Städtebeschreibungen sind zutreffend und authentisch, ob wir von London über Calais am Rhein entlang zum Flughafen Frankfurt/Hahn fahren (Juli-Mann) oder ob wir als Immobilienmakler (September-Mann) an der Isère weilen. Da gibt es den Body-Builder (Juni-Mann), der sich fragt, ob es echte Liebe sein kann, wenn sein Freund die Geliebte in London jede Nacht an Kunden verkauft. C‘est la guerre sagt sich der August-Mann, er ist Journalist in Dänemark bei einer Zeitschrift mit sehr großen Buchstaben. Ohne mit der Wimper zu zucken liefert er den Verteidigungsminister wegen einer Affäre ans Messer und seine Kollegen übertrumpft er auf der Karriereleiter. Anders der November-Mann. Er ist Milliardär und lebensmüde. Auf seiner Super-Yacht sitzt er und überlegt wie schwer das Mittelmeer sein könnte, denn er möchte nie mehr auftauchen. Sein Geld hat er in einem spektakulären Prozess verloren, seine Lebensgefährtin verlässt ihn mit den gemeinsamen Zwillingen und möchte die beiden Londoner Villen sowie 25 Millionen Pfund. Am Ende sitzt er allein in der dunklen Küche und denkt über seine verlorenes Geld und damit über den verlorenen Sinn seines Lebens nach.
David Szalay schafft es auf umwerfende Art, beim Leser für all seine Protagonisten nicht nur Verständnis, manchmal auch Mitleid oder zumindest Mitgefühl zu erreichen, sondern er gibt uns die Möglichkeit, wertfreier über andere Menschen nachzudenken (nicht nur über Männer).
Für Sie gelesen von Susanna Heidemann